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Die 25 schlechtesten Spieler von Borussia Dortmund...

Die 25 größten WM-Skandale aller Zeiten

Author: escronanlt

DIE STORY IN KURZEN VIDEOS

DIE STORY IN KURZEN ESSAYS

Die mystische Aura der großen Skandale

Es sind Momente, die sich in unserem Gedächtnis eingeprägt haben. Untrennbar. Wir denken an sie, wenn wir auch nur „Fußball-Weltmeisterschaft“ hören.

Sie gehören zu unserer Fußball-Sozialisation und fanden zum Teil Eingang in die Alltagssprache.

Die Hand Gottes. Foto: Getty Images
Die Hand Gottes. Foto: Getty Images

Mehr noch als die schönsten Tore oder der grenzenlose Jubel nach dem Titelgewinn bestimmen Skandale und unglaubliche Begebenheiten unsere kollektiven Erinnerungen rund um eine Fußball-Weltmeisterschaft.

Warum das so ist? Weil jeder Skandal auch von einer mystischen Aura umgeben ist. Diese Geschichten aus der Grauzone, oft legendenhaft verklärt, getragen von schillernden Spielerpersönlichkeiten oder One-Hit-Wonders unter den WM-Spielern, sind es, die besonders faszinieren.

Getragen werden diese Geschichten von der unglaublichen medialen Bedeutung einer Fußball-WM. Kein Skandal ohne Presse-Echo. Einer der größten Spieler aller Zeiten hat es sogar zwei Mal geschafft, ins WM-Schwarzbuch eingetragen zu werden.

Die großen Spieler und auch die, von denen man nur glaubte, dass sie eine WM prägen könnten, leben seit Jahrzehnten von diesem Doppelpass mit den Medien. Any Press is good Press, heißt es. Die Gefahr dabei: Die Skandale der großen Spieler haben ihre Weltkarriere in vielen Fällen auf eine einzige Szene, einen Blackout, ein Foul, eine unprofessionelle Aktion reduziert. Ihrer fußballerischen Bedeutung, ihrem Gesamtwerk, wird das natürlich nicht gerecht – aber so ist der Sport, so sind die Menschen.

Fast jeden ganz großen Spieler umgibt auch ein Skandal

Ronaldo auf dem Höhepunkt. Foto: Getty Images
Ronaldo auf dem Höhepunkt. Foto: Getty Images
Doch die Skandale, die die größten WM-Spieler aller Zeiten wie ein Mythos umgeben, sind nicht die einzigen. Fußball ist Mannschaftssport und wenn – wie bei vielen WM-Turnieren gesehen – in den riesigen Drucksituationen nicht nur einigen Hitzköpfen die Sicherungen durchbrennen, sondern auch überforderte Schiedsrichter im Einsatz sind, wird es schnell skandalös.

Tor-Betrug, haarsträubende Fehlentscheidungen, oft spekulierte, aber selten bewiesene Korruption rund um WM-Spiele bilden ein zweites, untrennbar mit der Weltmeisterschaft verbundenes Kapitel. Vor einer Weltmeisterschaft sitzen die Mannschaften bis zu acht Wochen in Trainingslagern und Team-Hotels aufeinander. Der Lagerkoller grassiert. Ein selten erwähnter, dadurch aber nicht weniger hässlicher Skandal der deutschen WM-Geschichte spielt sich 1978 im Quartier des DFB in Argentinien ab.

Fußball und Politik – diese schon immer schwierige Konstellation sorgte auch bei der WM für bizarre Momente. Und zwar schon in den Kindertagen des heute neben Olympia größten Sportereignisses der Welt, 1934 und 1938. Ein Diktator nutzt die WM im eigenen Land und korrumpiert den Turnierverlauf. Mit Begebenheiten, die uns wütend machen, sprachlos werden lassen, uns ratlos zurücklassen. So auch in den 1970er-Jahren, in diesem politisch so turbulenten Jahrzehnt in Südamerika. Die WM 1978 in Argentinien – seit 40 Jahren versuchen Dutzende von Autoren nunmehr, die Geschehnisse aufzuarbeiten. Mehrere Enthüllungsbücher dokumentieren die WM, bei der die Welt zu Gast bei Verbrechern war. Argentina 78 – eine surreale Weltmeisterschaft, zu der wohl nie alle schlimmen Details ans Licht kommen werden.

Wie konnte das passieren? – Nur eine von vielen Fragen, mit denen der Fan oftmals allein gelassen wird. Entscheidungen der FIFA erscheinen spätestens im Zeitalter von Football Leaks, Ablöse-Wahnsinn und Ausstiegsklauseln kaum nachvollziehbar. Oft hat man das Gefühl, dass sie gerade während einer WM gegen jeden Widerstand durchgezogen werden müssen. Oder haben Sie sich mal gefragt, wie ein Fan-Votum zu dem in Ungnade gefallenen Diego Armando Maradona bei der Weltmeisterschaft 1994 ausgegangen wäre? Sogar ein Skandal bei einer WM, die noch gar nicht gespielt wurde, ist schon perfekt und findet sich in der Chronik. Das Umfeld der Weltmeisterschaft, dubiose, geradezu nach Absprachen und Bestechung riechende Vergabe-Verfahren und Austragungsländer mit zweifelhaftem Demokratieverständnis lassen die Fans immer mehr angewidert zurück. Das Vertrauen in den Fußball und in die ihn organisierenden Verbände schwindet.

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Auch die WM-Qualifikation bietet Skandale en Masse…

Die Schlacht von Santiago. Foto: Getty Images
Die Schlacht von Santiago. Foto: Getty Images

Denn eine Weltmeisterschaft ist Wahnsinn. Jedes Land kämpft – mehr als bei jeder kontinentalen Meisterschaft – darum, dabei zu sein. Die in der Qualifikation auf der Strecke gebliebenen Favoriten sind immer die ersten Verlierer.

Das gilt für eine heißblütige Fußballnation, die 2006 so gern ,,nach Deutschland eingeladen“ hätte – und dann zum Zuschauen verdammt wurde.

Der erste Europameister von 1960 hatte vor der ersten Weltmeisterschaft in Deutschland keine Lust auf die Machtspielchen der FIFA. Er nahm ein vorzeitiges Aus in der Qualifikation wohl wissend auf sich, um sein Gesicht zu wahren. Denn Fußball ist nicht immer alles.

Hier sind 25 Skandale rund um die Fußball-Weltmeisterschaft, die Spieler, Fans und Medien in Atem hielten – und dies bis heute tun. Momente, die für immer untrennbar mit dem größten Fußballturnier der Welt verbunden sein werden.

Skandal 25 – 22: Von der Horror-Nacht in Istanbul bis zum Besuch des Autokraten

Jubel über den Sieg der Schweiz; Foto: Imago
Jubel über den Sieg der Schweiz; Foto: Imago

Skandal 25. Horror am Bosporus

Die Ankündigung von Senol Günes (50) ist vollmundig. Manche Beobachter sagen mit dem Abstand der Jahre, sie sei überheblich gewesen. „Hier sind wir Gäste, 2006 laden wir ein“, erklärt der Nationaltrainer der Türkei nach dem Viertelfinal-Erfolg gegen den Senegal (1:0 n. V.) am 22. Juni 2002 im japanischen Osaka. Mit der „Heim-WM“ meint Günes das Turnier 2006 in Deutschland, wo es eine der größten türkischen Gemeinden außerhalb des Landes am Bosporus gibt. Doch zu dieser Einladung wird es nicht kommen. Die türkische Mannschaft verliert auf der Zielgeraden die Nerven.

Die Plakate, die dem Gegner aus der Schweiz bei der Ankunft in Istanbul am 15. November 2005 präsentiert werden, verheißen nichts Gutes. „Willkommen in der Hölle“ ist zu lesen. „Huren Son Frei“, steht auf einem anderen Wisch. Er zielt auf den Schweizer Stürmer Alexander Frei von Stade Rennes. Der Angreifer, der es ab 2006 bei Borussia Dortmund zum Kultspieler bringen wird, hat beim 2:0 im Hinspiel den zweiten Schweizer Treffer durch Valon Behrami vorgelegt – und der „Nati“ eine Top-Ausgangsposition fürs Rückspiel in Istanbul beschert.

Diesen Zwei-Tore-Vorsprung braucht die Mannschaft von Nationalcoach Köbi Kuhn auch. Der Empfang der Schweizer in der Türkei ist alles andere als sportlich. Selbst die Flughafenangestellten texten die Eidgenossen bei ihrer Ankunft mit Hass-Gesängen voll. Auf dem Weg ins Stadion wird der Mannschaftsbus der Schweizer mit Steinen und Eiern beworfen. Einfach hässlich. Die Schweizer Nationalhymne geht im Pfeifkonzert der 46.000 heißblütigen Fans unter.

Frei scheint den Türken in dieser hasserfüllten Atmosphäre nach zwei Minuten schon den Stecker zu ziehen. Er erzielt das 0:1. Da die Playoffs zur WM mit Hin- und Rückspiel im Europacup-Modus gespielt werden, braucht die Türkei bereits jetzt vier Tore, um doch noch nach Deutschland einzuladen.

Verzweifelte Aufholjagd der Türkei gegen die Schweiz

Die Türkei scheidet aus; Foto: Getty Images
Die Türkei scheidet aus; Foto: Getty Images

Tuncay Sanli dreht die Partie Mitte der ersten Halbzeit für die Türkei auf 2:1 um – jetzt fehlen dem WM-Dritten von 2002 nur noch zwei Tore. Ein Foul-Elfmeter von Necati Ates (52.) macht das Sükrü-Saracoglu-Stadion im Stadtteil Kadiköy, auf der asiatischen Seite der türkischen Metropole gelegen, endgültig zum Hexenkessel.

In dieser Atmosphäre behält der für den VfB Stuttgart stürmende Marco Streller in der 84. Minute kühlen Kopf: Sein 3:2 ist die Vorentscheidung. Sanlis drittes Tor zum 4:2 (88.) kommt zu spät – die Türkei fährt nicht zur WM nach Deutschland.

Was bei Abpfiff passiert, geht als „Die Nacht der Schande von Istanbul“ (BILD) in die Geschichte ein. Türkische Spieler machen Jagd auf die Schweizer. Özalan Alpay tritt auf Marco Streller ein. Benjamin Huggel tritt den türkischen Assistenztrainer.

„Es war die Hölle“, stammelt Dortmunds Schweizer Nationalspieler Philipp Degen, „so etwas Brutales habe ich noch nie erlebt.“ Streller: „Alpay hat mit den Füßen auf Benjamin Huggel eingetreten. Er hat reingedroschen wie im Blutrausch.“

„Lauf rein, bleib bei mir!“

Die Schweizer müssen nach Spielende flüchten vor dem Mob; Foto: Getty Images
Die Schweizer müssen nach Spielende flüchten vor dem Mob; Foto: Getty Images
Der Schweizer Nationalspieler Raphael Wicky vom Hamburger SV hört kurz nach dem Schlusspfiff des belgischen Schiedsrichters Frank De Bleekere eine laute Stimme. „Lauf rein, bleib bei mir!“ – es ist der in Gelsenkirchen geborene Hamit Altintop. Wicky denkt nicht zwei Mal nach. Er läuft einfach los – und rettet sich vor der Wut der türkischen Fans.

Im Kabinengang der nächste Schock für Wicky und Co.: „Unfassbar, was sich im Kabinengang abspielte“, erzählt Wicky in BILD Hamburg, „überall gab es Schlägereien, Ordner, Spieler, Delegierte haben aufeinander eingeprügelt. Am meisten hat es mich schockiert, wie die türkischen Spieler geschlagen haben.“

Zwei Stunden müssen die Schweizer hinter verschlossener Kabinentür warten und bangen. An eine geordnete Abreise ist nicht zu denken. Das mitgebrachte Bier und den Champagner verkosten sie trotzdem. „Es ist geil, dass wir bei der WM dabei sind“, freut sich Wicky, „für mich und andere ist ein Kindheitstraum in Erfüllung gegangen.“

Halil Altintop vom 1. FC Kaiserslautern ist dagegen enttäuscht: „Es ist schon peinlich, wenn man weiß, dass die ganze Welt über uns redet. Wir können einfach nicht verlieren.“ Stimmt wohl. Und für die „Heim-WM“ in Deutschland 2006 gilt für die Türkei: Du kommst hier nicht rein!

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Landon Donovoan war einst für den FC Bayern aktiv. Foto: Getty Images

Skandal 24. Maradona außer Kontrolle

Mardaona spielte richtig gut bei der WM 1994; Foto: Getty Images
Mardaona spielte richtig gut bei der WM 1994; Foto: Getty Images

Es ist keine gute Idee von Diego Armando Maradona, die Weltmeisterschaft 1994 noch einmal zu seiner Show-Bühne zu machen. Bei seiner vierten und letzten WM-Endrunde wird der in seiner südamerikanischen Heimat Gott ähnlich verehrte Argentinier zum prominentesten Doping-Opfer der Turniergeschichte – und offenbart einen unglaublichen Trick.

„Marado, Marado“, schallt es am 5. September 1993 durch das Estadio Monumental in Buenos Aires. Im berühmten Final-Stadion von 1978 hat Argentinien in der Südamerika-Qualifikation zur WM in den USA mit 0:5 gegen Kolumbien verloren. Die Volksseele kocht, die Fans der „Albiceleste“ fordern den Größten. Diego Armando Maradona.

Nur er, so scheint es in diesen Herbsttagen, kann Argentinien noch zur WM führen. Doch Maradona ist abgetaucht. Seit mehr als zwei Jahren schon. Am 17. März 1991 wurde der Superstar des SSC Neapel, der Maradona seine Renaissance in den späten Achtzigerjahren verdankt, positiv auf Kokain getestet – und zu 14 Monaten auf Bewährung verurteilt.

Der argentinische Fußball-Verband sperrt ihn zudem für 15 Monate und ordnet einen Entzug an.1993 und nach der geglückten Qualifikation für das Turnier in den USA kehrt er tatsächlich ins Nationalteam zurück.

Maradona ist streitsüchtig und extrovertiert

Maradonas little helpers; Foto: Getty Images
Maradonas little helpers; Foto: Getty Images

Maradona hat sich von seinem Auftreten her kaum verändert, gibt sich streitsüchtig und extrovertiert. Kaum auf US-amerikanischem Boden, schart er die Medien um sich und poltert gegen die FIFA und ihren Generalsekretär Joseph Blatter.

Er ist mit den Temperaturen nicht einverstanden und er beschimpft die Fernsehsender als die „neuen Bosse des Fußballs.“ Dass er überhaupt wieder wettbewerbsfähig ist, verdankt er einem Privatcoach – und dem kanadischen Leichtathleten Ben Johnson.

Der Sprinter, 1988 im 100-Meter-Finale von Olympia in Seoul nachweislich gedopt, ist neuer Lauftrainingspartner von Maradona. Beim FC Sevilla in Spanien hat der alternde Weltstar Maradona – inzwischen 33 – noch einmal eine ordentliche Saison gespielt.

Warum nicht also auch eine gute WM? Die Zweifel sind scheinbar rasch verflogen.

Neben „Batigol“ wirkt Maradona wie aus der Zeit gefallen

Ein unrühmliches Ende für Maradona; Foto: Getty Images
Ein unrühmliches Ende für Maradona; Foto: Getty Images

Am 21. Juni 1994 sieht die Fußballwelt den „neuen“ Maradona. Er spielt neben einem seiner argentinischen Zauberlehrlinge, dem langmähnigen Gabriel „Batigol“ Batistuta. Dass Profifußball nichts mehr für ihn ist, müsste Maradona an der Seite des nicht zu stoppenden, dreifachen Torschützen Batistuta, der aus einer anderen Kicker-Generation kommt, eigentlich auffallen.

Aber: Gegen den Außenseiter Griechenland ist Diego noch einmal ganz der Alte. Es ist, als würde er sich noch einmal aus den Nebeln, die seinen verblassten Ruhm umgeben, erheben. Maradona jagt einen Linkschuss aus 16 Metern ansatzlos in den Kasten des griechischen Torhüters Antonius Minou – und dreht völlig ab. Diego rennt jubelnd, brüllend in Richtung TV-Kamera. Seht her, ich bin wieder da!

Doch wie das so ist mit dem Rausch. Er ist intensiv – und schnell vorbei. Im Falle Maradonas vier Tage später. Nach dem 2:1 gegen den WM-Neuling Nigeria bittet man Maradona in Boston nach der Partie direkt zur Doping-Kontrolle. Die Gesichter der FIFA-Dopingexperten verfinstern sich schnell. Maradona ist auf fünf (!) verbotene Substanzen positiv getestet worden. Die Skandalmeldung geht noch am Abend über die Nachrichtenticker.

Möglich wird seine Überführung deshalb, weil Maradona, da von einer Krankenschwester gleich zur Dopingkontrolle geführt, keine Zeit mehr hat, seinen wohl altbewährten Trick anzuwenden. Jahrelang hat er die Dopingkommissionen so an der Nase herum geführt. Er trägt bei angekündigten Dopingkontrollen einen Plastikpenis und Fremdurin mit sich. Dieses Mal geht das Täuschungsmanöver schief. „Diego Maradona wird von allen fußballerischen Aktivitäten ausgeschlossen“, erklärt sein Erzfeind Blatter kurz darauf. Maradonas WM-Karriere ist zu Ende.

Skandal 23. „Yes“ zur Torlinientechnik

Ein eindeutiges Tor für England; Foto: Getty Images
Ein eindeutiges Tor für England; Foto: Getty Images

Das „Tor von Bloemfontein“ im WM-Achtelfinale am 27. Juni 2010 ist ein Meilenstein in der deutsch-englischen Fußball-Rivalität. 44 Jahre nach Wembley lässt der imaginäre Fußballgott dieses Mal den Ball zugunsten der Deutschen zurückprallen.

Manuel Neuer erkennt die Situation am schnellsten. Geistesgegenwärtig schnappt sich der deutsche Nationaltorhüter den von der Querlatte zurückgeprallten Ball, nimmt ihn auf und wirft ihn nach vorn zurück. So, als ob nichts gewesen wäre. War da was? Ja, da war was.

Dass der Ball gut einen halben Meter hinter der Torlinie war und diese in den in den sozialen Netzwerken erscheinenden GIF-Bildern anschließend als Gag mit einem Knick versehen wird, hat Manuel Neuer mit Sicherheit gesehen. Nur: Er lässt sich halt nichts anmerken, bleibt cool – und rettet der deutschen Mannschaft damit vielleicht das Weiterkommen.

Der 44-Jahre-nach-Wembley-Gedächtnistreffer von Frank „Lamps“ Lampard aus gut 17 Metern wäre in der 38. Minute der Partie im Free-State-Stadium im südafrikanischen Bloemfontein das 2:2 für England im WM-Achtelfinale gegen Deutschland. Weiter vorn belagern die englischen Spieler Wayne Rooney und Lampard den uruguayischen Schiedsrichter Jorge Larrionda. Sie können es nicht fassen.

„Lamps“ Tor hätte die Partie nachhaltig verändert

Da bedarf es keiner Torlinientechnik. Foto: Getty Images
Da bedarf es eigentlich keiner Torlinientechnik. Foto: Getty Images

Auch Franz Beckenbauer, 1966 Zeuge des legendären Wembley-Treffers im WM-Finale gegen die Engländer (2:4 n. V.), inzwischen als Experte beim Pay-TV-Sender Sky im Einsatz, sieht klar: „Deutlicher kann es nicht sein. Es ist doch fast ein halber Meter, das hätte der Linienrichter sehen müssen.“

Wayne Rooney, der bullige Stürmer von Manchester United, Sohn eines Boxers aus dem Liverpooler Stadteil Croxteth, zeigt es dem Assistenten Mauricio Espinosa noch einmal bildlich und mit bedrohlichem Blick an. „Hier, sooo weit war der Ball hinter der Linie!“ Der Linienrichter steht zwar 37 Meter entfernt, er hat jedoch freie Sicht.

„Wir haben das 2:2 erzielt“, ärgert sich Englands italienischer Nationalcoach Fabio Capello, „es ist unglaublich, dass in dieser Zeit mit so vielen Schiedsrichtern dieses Tor nicht gegeben wird. Das Spiel wäre dann ganz anders verlaufen.“ Möglicherweise.

Die „Three Lions“ sind in dieser Phase nach den deutschen Treffern von Miroslav Klose (20.) und Lukas Podolski (32.) am Drücker. Neuer hält erst gegen Lampard (35.), dann köpft Matthew Upson nach Flanke von Steven Gerrard zum 2:1 (37.) für England ein.

Es ist die Stunde der Komödianten – aber auch der Revanchisten

Good bye England; Foto: Getty Images
Good bye England; Foto: Getty Images

Nur eine Minute folgt die Szene, die als „Wembley reloaded“ Geschichte macht. Nach dem Latten-Freistoß von Lampard (52.) bricht der englische Widerstand. Thomas Müller (67./81.) schießt Deutschland mit zwei blitzsauberen Konter-Toren ins Viertelfinale gegen Argentinien.

Es ist die Stunde der Komödianten – aber auch der Revanchisten. Vor allem die Boulevardzeitung BILD, England in ewiger Geringschätzung verbunden, zieht groß auf. „Thank you, Fußball-Gott“, lautet die ungelenke Titelzeile am 28. Juni 2010, die jeder zweitklassige Englischlehrer in der Luft zerreißen würde.

Das Blatt trieft fast vor Genugtuung für den „Wembley-Treffer von Geoffrey Hurst 44 Jahre zuvor, der natürlich als Schwarzweißfoto und Vergleichsbild nicht fehlen darf. „Thank you, Fußball-Gott, du hat dir viel Zeit gelassen, das Unrecht auszugleichen“, klingt es fast wie ein Gebet, „wir hatten schon nicht mehr daran geglaubt. Seit gestern ist Wembley wettgemacht.“

Man hätte das auch eine Nummer kleiner genommen. Immerhin haben die Deutschen den Engländern Wembley schon lange zuvor doppelt und dreifach zurückgegeben. 1996 haben sie die englischen Gastgeber im Elfmeter-Krimi im Halbfinale ausgeschaltet, sechs Jahre zuvor bei der WM in Italien ebenso in der Runde der letzten vier. Ebenfalls nach einem Elfer-Krimi. Dazu kommt das unvergessene 3:1 in Englands Fußballtempel auf dem Weg zur EURO 1972. Nein, Wembley ist schon lange durch. Aber, wer zählt schon immer mit?

Skandal 22. Der Besuch des Präsidenten

Das Treffen Özil, Gündogan, Erdogan führte zu heftigen Reaktionen; Foto: Imago
Das Treffen Özil, Gündogan, Erdogan führte zu heftigen Reaktionen; Foto: Imago

Die Weltmeisterschaft 2018 ist noch nicht angepfiffen – da gibt es im Lager des Titelverteidigers aus Deutschland einen politischen Skandal. Die deutschen Nationalspieler Ilkay Gündogan und Mesut Özil besuchen drei Wochen vor dem WM-Start den despotischen türkischen Machthaber Recep Tayyip Erdogan – und widmen ihm ihre Trikots vom FC Arsenal und Manchester City brav mit „für meinen Präsidenten, hochachtungsvoll“.

In Leverkusen hat man für derartige Huldigungen kein Verständnis. Die deutsche Nationalmannschaft will sich hier am 9. Juni 2018 mit einem Erfolg gegen den ebenfalls bei der WM teilnehmenden 67. der FIFA-Weltrangliste aus Saudi-Arabien (2:1) in Richtung Russland verabschieden. Das Auswärtige Amt, so berichtet Team-Manager Oliver Bierhoff (50) vorab, habe dem DFB zu dem Freundschaftsspiel gegen den autoritären Golfstaat geraten. Beruhigend. Nicht, dass wir am Ende noch eine Diskussion um die Interpretation der Menschenrechte im Königreich aufmachen…

Als Bundestrainer Joachim Löw (58) zu Beginn der zweiten Halbzeit Ilkay Gündogan für den Dortmunder Marco Reus einwechselt, kommt unerwartet Stimmung in die BayArena.Die Fans pfeifen den Profi vom englischen Meister Manchester City gnadenlos aus. Sie haben es Gündogan nicht vergessen, dass er sich – mitten im Wahlkampf – mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan ablichten ließ.

Sein „Komplize“, Mesut Özil vom FC Arsenal, verdrückt sich derweil auf der Reservebank. Der Mittelfeldspieler hatte sich mit Kniebeschweren für das letzte Testspiel des Titelverteidigers abgemeldet – und für Unverständnis gesorgt. Dass Co-Trainer Thomas Schneider versucht, die Fans zu besänftigen, ist ein netter Versuch. Sie pfeifen Gündogan dennoch aus.

Gündogan und Özil: Komplett unglaubwürdig

Mesut Özil und Ilkay Gündogan auf der deutschen Bank: Foto: Getty Images
Mesut Özil und Ilkay Gündogan auf der deutschen Bank: Foto: Getty Images

Oliver Bierhoff ist schon vor dem Spiel genervt. „Ihr beendet es doch nicht. Ihr bringt es doch jeden Tag wieder, weil ihr keine Themen habt“, giftet er vor dem Anpfiff in Leverkusen vor laufender Kamera gegen ARD-Moderator und den als Experten tätigen Ex-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger. Basta-Politik statt Ursachenforschung.

„Dass ein Nationalspieler so ausgepfiffen wird, hilft keinem, es trifft nur die Mannschaft“, ist auch Löw hinterher pikiert. Die meisten Anhänger aber haben genug. Sie wollen sich nicht bevormunden lassen. Die Stimmung auf der Mission „Best NeVer rest“, dem fünften WM-Titel für Deutschland, ist schon vor dem Turnierstart gedrückt.

Das wenig durchdachte Rührstück haben Gündogan und Özil schon drei Wochen zuvor abgezogen. Am 13. Mai 2018 treffen sie Erdogan in London. Dass Gündogan nach dem Besuch bei „seinem Präsidenten“ kleinlaut erklärt, es sei „kein politisches Statement gewesen“, nimmt ihm keiner mehr ab. Wie soll man einen Besuch bei dem Despoten aus Ankara sonst werten? Özil dagegen schweigt sich aus. Beim traditionellen Medien-Tag des DFB-Teams im Trainingslager in Eppan in Südtirol fehlt er. Nie zuvor war ein Nationalspieler diesem Pflichttermin fern geblieben.

Hitzlsperger, selbst Profi auf der Insel, hat vor allem beim durch Abwesenheit glänzenden Wahl-Londoner Mesut Özil das Spielchen durchschaut: „Immer wenn es brenzlig wird, schiebt er die Verantwortung an sein Beraterteam ab. Die haben ihm geholfen als Marke zu wachsen. Aber wenn es unangenehm wird, ist er nicht in der Lage zu reagieren. Er ist viel rumgekommen und hat viel erlebt, aber seine Persönlichkeitsentwicklung hat nicht Schritt halten können.“

„Jungs, wer hat Euch vor die Schüssel getreten?“

Recep Erdogan und Angela Merkel; Foto: Getty Images
Recep Erdogan und Angela Merkel; Foto: Getty Images

Der Besuch bei „ihrem Präsidenten“ – Gündogan und Özil sind beide in Gelsenkirchen geboren und besitzen ausschließlich die deutsche Staatbürgerschaft – wird zur Staatsaffäre. Erst lädt DFB-Präsident Reinhard Grindel die bösen Buben am Rande des Pokalfinales mit Eintracht Frankfurt und dem FC Bayern München (3:1) am 19. Mai ins Schloss Bellevue nach Berlin zum Rapport. Dann steigt auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ein.

Gündogan bekannte sich im Gespräch mit ARD und ZDF zu den „deutschen Werten“. Weder von ihm noch von Özil gibt es jedoch eine kritische Äußerung gegenüber Erdogan, der sogar von den Vereinten Nationen wegen seiner Menschenrechtsverletzungen an den Pranger gestellt wird. „Es hat mich dann, ehrlich gesagt, auch ein bisschen ratlos gemacht“, sagt der erfahrene Politiker in einem ZEIT-Interview, „angesichts der Tatsache, dass Özil und Gündogan in Deutschland groß geworden sind, hätte es sie nicht überraschen dürfen, dass ihr Treffen mit dem türkischen Staatspräsidenten Kritik auslöst.“ Das hätte man sich irgendwie vorher denken können…

„Zwei türkischstämmige Fußball-Millionäre, die sich aufgrund der besseren Verdienstaussichten zu Beginn ihrer Karriere für die deutsche Staatsbürgerschaft entschieden haben, lassen sich im türkischen Auslandswahlkampf mit dem türkischen Diktator Erdogan fotografieren – da möchte man bloß noch fragen: Jungs, wer hat euch denn vor die Schüssel getreten?“, fragt sich die Westdeutsche Allgemeine Zeitung etwa. „Demokratie muss auch Dummheit aushalten“, stellt die Schwäbische Zeitung fest, „Özil und Gündogan haben sich selbst – und allen anderen eigentlich bestens integrierten Doppelstaatsbürgern in Deutschland – einen Bärendienst erwiesen mit ihrer maximal unsensiblen Wahlkampfhilfe für Erdogan. Am Tag vor der WM-Nominierung kocht nun eine Integrationsdebatte wieder hoch, die die Nationalmannschaft eigentlich seit Jahren als unnötig demaskiert.“

Die Kritik kommt nicht nur aus Deutschland. Den in der westlichen Welt äußerst umstrittenen Erdogan zu treffen und ihm zu huldigen, kommt auch in Österreich schlecht an. Beim Testspiel Anfang Juni in Klagenfurt (2:1) pfeifen auch die österreichischen Fans Özil und Gündogan während der gesamten Spielzeit aus. Der Ex-Dortmunder Gündogan hat für dieses Fan-Verhalten eine einfache, aber wenig stimmige Erklärung: „Wer pfeifen will, ist frei in seiner Entscheidung. Da kann ja jeder machen, was er will.“ Der Eindruck drängt sich in der Tat auf, ja.

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